Wenn Menschen einfach verschwinden

Vor einigen Wochen war ich in Berlin und habe zum ersten Mal das Team der Digital Misfits in live getroffen. Neun Menschen, die ich bis dato nur über den Monitor kannte, neun Menschen, die wie ich die Arbeitswelt der Zukunft gestalten wollen. Und das ohne neue Dogmen aufzustellen, sondern mit dem schlichten Bestreben Menschlichkeit, Individualität und Potenziale in den Fokus einer immer digitaleren Welt zu stellen. 
Und ich habe dieses Wochenende trotz der vielen Menschen, Eindrücke und Inhalte unendlich genossen. Und genau dazu wäre ich zu anderen Zeiten meines Lebens nicht in der Lage gewesen. 

 

Vor nicht all zu langer Zeit habe ich mich komplett aus der Welt zurückgezogen. Kurz vor dem großen Finale meines Burnouts durfte ich den New Work Erfinder Frithjof Bergmann kennen lernen, der mir davon erzählt hat, dass er mehrere Jahre alleine als Selbstversorger in der Wildnis verbrachte. Und diese Geschichte ging so sehr mit mir in Resonanz, löste so einen unglaublichen Drang nach Einsamkeit, Einfachheit und Ruhe in mir aus, dass ich mich wenig später von meinem ganzen Leben verabschiedet habe.

Ich habe meinen Wohnort, meine Dozentenstellen, meine Kunden, meine Beziehung, einfach alles hinter mir gelassen und bin von der Stadt auf‘s Land gezogen. Dort habe ich meine Businessblusen zerschnitten, zu Zigeunerröcken vernäht und zwei Jahre lang einfach nur Gemüse angebaut. Ich war sehr glücklich alleine mit einer Hacke auf einem Acker und durch die Verbindung mit der Natur konnte ich mich selbst seit Jahren zum ersten Mal wieder richtig spüren. 

Das hört sich sehr romantisch an. Doch so romantisch war es gar nicht. War mich doch zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst, dass ich kein anderer Mensch werde, nur weil ich mein Umfeld radikal verändere. Denn für positive Veränderung braucht es ein wenig mehr als andere Denkweisen, wie Sie auch in diesem Artikel erfahren können. Innerhalb eines Jahres habe ich es geschafft, mich wieder radikal zu überarbeiten. Meine alten Muster und Verhaltensweisen haben sich nach wenigen Monaten Bahn gebrochen und mit Feldarbeit, Marketing, Vorträgen und PR für die Solidarische Landwirtschaft kratzte ich auch hier sehr schnell an der Leistungsgrenze. 

 

Es dauert sehr lange, bist sich Körper und Psyche von einem Burnout erholt haben.

 

Weder diese Tatsache noch das volle Ausmaß meiner Symptome konnte ich zu dieser Zeit erkennen. Es hat mich glücklich gemacht im Freien zu arbeiten, doch durch den Rahmen, den ich aufgrund meiner alten Verhaltensweisen geschaffen hatte, habe ich mein Stresslevel hoch gehalten und meine Wiederherstellung immer weiter hinaus gezögert. Dann kamen noch ein paar private Schicksalsschläge dazu und der Ofen war ganz aus. Am Wochenende hab ich mich in meiner Wohnung verschanzt und bin nicht mehr heraus gekommen. Ich war der Überzeugung, dass ich einfach genug hatte von der Welt da draußen und es die beste Lösung wäre einfach alleine zu sein, doch letztlich war ich einfach…

 

… zu gestresst für soziale Kontakte

Jeder Mensch, jedes Gespräch, jeder Anruf, jeder Kontakt konnte mich geradezu in Panik versetzten. Ich fühlte mich dem Alltag nicht mehr gewachsen und anderen Menschen schon gleich gar nicht. Das ist auch der Grund dafür, warum viele im Grunde sehr leistungsfähige und zuverlässige Menschen manchmal ganz plötzlich von der Bildfläche verschwinden und nicht mehr erreichbar sind. Diese Tatsache kann in Teams genauso wie in Freundeskreis und Familie zu tiefgreifenden Irritationen führen und wirklich schlimme Konflikte und Auseinandersetzungen mit weitreichenden Folgen hervorrufen. 

Und genau darum ist es mir so unheimlich wichtig diesen Artikel zu schreiben und darüber zu informieren, was in solch einer Situation in einem Menschen vorgehen kann. Es ist mir ein Herzensanliegen, dass Sie als Betroffener verstehen, dass das Bedürfnis sich sozial immer mehr zu isolieren nicht „normal“ ist und dass Sie als Führungskraft, Teammitglied, Freund oder Familienangehöriger einen neuen Blickwinkel auf derartige Verhaltensweisen gewinnen können.

Denn hier geht es nicht im mangelndes Verantwortungsbewusstsein, Egoismus oder Gleichgültigkeit. Hier geht es um unser Nervensystem.

 

Die Polyvagal-Theorie

Die Antwort für soziale Isolation von sehr gestressten Menschen findet sich in einer noch recht jungen Erkenntnis, die gerade immer mehr Einzug in die medizinischen Fachkreise findet. Nämlich in der Polyvagal-Theorie. Der Begriff setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern „poly“ für viele und „vagal“ für Vagus. Und genau dieser Vagusnerv ist dafür zuständig, dass wir mit anderen Menschen agieren und zusammenarbeiten können.

Die Polyvagal-Theorie geht einen Schritt über das bekannte Modell von Sympathischem und Parasympathischem Nervensystem hinaus. Denn in ihr gibt es noch einen finalen Totstell-Reflex, der sozusagen das Ende der Fahnenstange der Belastbarkeit darstellt. Und in diesem habe ich mich befunden. Darum wollte ich niemanden mehr hören und sehen und fühlte mich schon von kleinsten Konfrontationen mit anderen Menschen komplett überfordert. Ein Zustand, den sehr viele Menschen aus ihrem Bornout kennen. Aber auch ein Zustand, der sich schon vorher bei vielen chronisch gestressten Menschen zeigt, indem sie einfach wenig Lust verspüren, sich mit anderen zu treffen und ihre Freundschaften und Beziehungen zu pflegen.

 

Was aktiviert den Totstellreflex?

Nach der Polyvagal-Theorie gibt es drei Nervenkreisläufe. Einmal den Grenzstrang des Sympathikus der bei Stress aktiv wird und unser System mit der notwendigen Energie versorgt, um erhöhten Anforderungen gerecht zu werden.

Und dann haben wir den Vagus Nerv, der sich in den vorderen und hinteren Vagus-Ast aufteilt. Der Vordere stellt sozusagen den Gegenspieler zum Sympathikus dar. Denn er fördert Entspannung, Erholung und Regeneration. Ist er aktiv, dann fühlen wir uns kreativ, positiv, produktiv und glücklich.

Der hintere Vagus-Ast sorgt ebenfalls für Ruhe, aber in einer anderen Form. Er klinkt sich ein, wenn unser Sympathikus enorm aktiv war wie es bei langer Stressbelastung, einem schweren Unfall oder einem traumatischen Erlebnis wie dem Verlust eines geliebten Menschen der Fall ist. Der hintere Ast des Vagusnervs sorgt also bei hoher Belastung irgendwann für Verlangsamung, Abschaltung und Rückzug.

Diese drei Kreisläufe regulieren die Körperfunktionen und helfen uns unsere Homöostase aufrecht zu erhalten. Dabei regulieren sie aber nicht nur unsere Organe, sondern haben ebenfalls hohen Einfluss auf unsere emotionalen Zustände und unser Verhalten.

Was können wir dagegen tun?

Die drei Nervenkreisläufe des autonomen Nervensystems sind hierarchisch organisiert. Das heißt, das Fortschreiten von einem Zustand in den nächsten erfolgt stufenartig. Wobei hier immer der darüberliegende Kreislauf alle unteren hemmt.

Das bedeutet, wenn wir es schaffen, unseren vorderen Vagus-Ast zu aktivieren, dann holt uns das aus den beiden unteren Zuständen heraus und wir sind weniger gestresst, sozial zugewandter und vor allem auch gesünder.

Und wenn wir gezielt einen Kampf oder Flucht Modus zur Aktivierung des sympathischen Grenzstranges simulieren, so wird dadurch der hintere Vagus-Ast gehemmt und wir können so dem defensiven Zustand entgegenwirken. Das ist auch der Grund dafür, warum Sportarten wie Schwimmen oder Laufen, die Kampf oder Flucht sehr nahe kommen, oft sehr effektiv zur Verringerung von Depressionen beitragen können.

Eine spannende Tatsache, die ich auf meinem Weg auch eindrücklich erleben durfte. War ich gestresst oder körperlich gefordert, dann hatte ich deutlich weniger Angst vor anderen Menschen. Der Haken daran ist nur, dass wir auf diese Weise regelrecht süchtig werden können nach Stress oder exzessivem Sport, weil uns dies in die Lage versetzt sozial zu interagieren und ein wenigstens halbwegs normales Leben zu führen. Das wiederum verändert natürlich auch unsere Körperchemie und sorgt so dafür, dass es sehr schwer wird aus diesem Verhaltensmuster wieder heraus zu finden. Mehr über diesen aufwendigen Prozesse erfahren Sie auch in diesem Artikel.

 

Was wir also tun können, ist:

Den hinteren Vagus-Ast durch Aktivierung der beiden darüber liegenden Nervenkreisläufe hemmen.

Und das gelingt uns, wie oben bereits erwähnt zum Einen durch sportliche Betätigung, die einer Kampf oder Flucht Situation sehr nahe kommt. Ist man körperlich schon sehr erschöpft, dann gilt es hier natürlich langsam zu starten und sich auf keinen Fall zu überlasten.

 

Primäres Ziel sollte es aber sein, den vorderen Vagus-Ast zu stärken, weil dieser nicht nur unsere soziale Zugewandtheit sondern auch den allgemeinen Zustand unserer körperlichen und geistigen Gesundheit steuert.

 

Dies gelingt uns sehr effektiv durch ganz einfache Körperübungen, die regelmäßig (also mehrmals täglich) angewandt wahre Wunder vollbringen können.

Legen Sie dafür Ihre Hände an den Hinterkopf und verschränken Sie Ihre Finger ineinander. Ziehen Sie Ihre Ellenbogen nach hinten, bis Sie ca. auf Höhe Ihrer Ohren angekommen sind. Nun schielen Sie auf einen Ihrer Ellenbogen und zwar so lange, bis Sie einen Gähnreiz verspüren. Schielen Sie nun auf die andere Seite und wiederholen das Ganze. Bewegen Sie dabei nur Ihre Augen und halten Sie den restlichen Körper ruhig. Sie können die Übung sowohl im Sitzen als auch im Liegen durchführen.

Als Ergänzung gibt es noch viele andere leicht in den Alltag zu integrierende Maßnahmen die den vorderen Vagus stärken. Singen Sie im Auto laut mit, gurgeln Sie Ihr Wasser, bevor Sie es trinken, meditieren Sie regelmäßig. Tun Sie vor allem alles regelmäßig!

Denn das Tolle am vorderen Vagus ist, dass wir ihn wie einen Muskel trainieren können.
Je öfter er aktiviert wird, desto aktiver ist er insgesamt und desto widerstandsfähiger sind wir.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann danken Sie Dennis Schenkel, dem Initiator der Digital Misfits dafür, dass er mich morgens um drei an einer Tankstelle in Berlin dazu inspiriert hat, über die persönliche Intention hinter meinen Artikeln auf eine andere Weise nachzudenken.

Comments 4

  1. Tara
    11. September 2021

    Fantastischer Artikel, danke dafür! Bei regelmäßiger Anwendung der Entspannungstechniken scheint eine Konditionierung einzusetzen. Ich brauche an die Übung mit den verschränkten Ellbogen inzwischen nur noch zu denken und beginne bereits zu gähnen = zu entspannen.

    1. Karoline Widur
      23. September 2021

      Liebe Tara, das ist ja spannend! Wahrscheinlich hast du durch die Wiederholung schon synaptische Verbindungen mit Körperreaktion erzeugt 🙂

  2. Dennis Schenkel
    22. September 2021

    Total toll! Ich freue mich so sehr, dass ich dich inspirieren durfte! 😍
    Ich habe die Übung auch gemacht und versuche es in nächster Zeit regelmäßig zu tun.

    1. Karoline Widur
      23. September 2021

      Und ich freu mich, dass ich dich jetzt auch inspirieren durfte 🙂 Dranbleiben! Es lohnt sich 😉

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